Pionierarbeit in der Frauenselbstverteidigung

Im Saarland fand zum ersten Mal in Deutschland ein Selbstverteidigungs- und Selbstbehauptungskurs ausschließlich für muslimische Frauen statt. „Wir leisten hier echte Pionierarbeit.“ freute sich Dr. Ahmad, Vorstandsmitglied der islamischen Gemeinde Saarland e. V. (IGS). Unterstützung fand er dabei durch das Ministerium für Inneres und Sport des Saarlandes sowie der saarländischen Polizei. Abdel-Rahim Ahmad und Mohamed El Kawash betrachten das Kooperationsprojekt als wichtigen Integrationsbeitrag. Dr. Ahmad fügt hinzu: „Allein der Kontakt zu Polizei, Sicherheitsorganen und anderen Verantwortlichen fördert die konstruktive Zusammenarbeit und sorgt dafür, dass Ängste abgebaut und Kontakte gepflegt werden.

Der Leiter des Polizeibezirks Saarbrücken Stadt, Polizeidirektor Peter Becker, der schon seit Längerem mit der islamischen Gemeinde zusammenarbeitet, hatte den ersten Kontakt zum PSV-Saar und den Selbstverteidigungstrainern vermittelt. Dass ein solcher Kurs für muslimische Frauen alles andere als selbstverständlich ist, kann man nachvollziehen, wenn man weiß, dass die Frauen den Kontakt zu fremden Männern strikt ablehnen. Daher hatte man sowohl beim Polizeisportverein Saar als auch in der islamischen Gemeinde zunächst Zweifel, ob der Kurs so, wie sonst üblich, auch mit dieser Zielgruppe durchgeführt werden könnte. Erste Hürde war die Tatsache, dass der Kursleiterin Gisela Hauprichs, Frauenreferentin des SJJV, Teamkollege Stefan Müller zur Seite stand, ebenfalls ein erfahrener Kursleiter in Sachen Frauen-SV, aber halt ein Mann. Für Dr. Ahmad war deswegen zunächst Überzeugungsarbeit in den eigenen Reihen zu leisten. Dabei erfuhr er Unterstützung durch andere Männer der Gemeinde, die ihre Frauen ermutigten, am Kurs teilzunehmen.

Nach vorsichtiger Annäherung zwischen den Frauen und dem Trainerteam baute sich schnell gegenseitiges Vertrauen auf und es entwickelte sich eine außergewöhnlich herzliche Basis für die Zusammenarbeit.

Und so konnte der Kurs dann doch gemäß der gemeinsamen Konzeption des SJJV e. V. und dem Landeskriminalamt des Saarlandes durchgeführt werden. Dreizehn Mal trafen sich die Frauen zum gemeinsamen Training. Neben Prävention, der Information über Gefahrensituationen und wie man ihnen begegnet, wurde viel Wert auf Selbstbehauptung gelegt. Die Frauen lernten, dass ihre Stimme eine wichtige Waffe zum Selbstschutz sein kann. Durch gezielten Stimmeinsatz können Übergriffe oftmals schon im Ansatz vereitelt werden. Den dritten Kursbereich bildeten Ju-Jutsu-Selbstverteidigungstechniken. Die Frauen übten wenige, einfache und effektive Techniken, die ihnen helfen, sich gegen die unterschiedlichen Angriffe zu wehren.

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Zu den Besonderheiten des Kurskonzeptes gehört neben der Arbeit mit videogestütztem Rollenspiel auch das Agieren mit verschiedenen Alltagsgegenständen als Hilfsmittel der Selbstverteidigung. Wie z. B. ein Schlüssel als effektive Waffe in einer Notwehrsituation genutzt werden kann, hat die Frauen beeindruckt. Hintergrundinformationen in Sachen Gewalt gegen Frauen, einfühlsam und mit viel Engagement für die Sache vorgetragen, erhielten die Teilnehmerinnen von Dagmar Schubert-Strube, Kriminaloberkommissarin beim Dezernat 14 des LKA, polizeiliche Kriminalprävention und Opferschutz.

Höhepunkte waren für die Frauen die beiden Einheiten, in denen sie zeigen konnten, was sie gelernt hatten: In einer Einheit versuchte ein unbekannter Angreifer den Frauen mit harten Angriffen zuzusetzen. Da er durch einen Vollschutzanzug vor Verletzungen geschützt war, brauchten sich die Frauen bei ihrer Gegenwehr nicht zurückzunehmen. Mit Mut und Durchsetzungswillen traktierten sie den Angreifer. Der staunte nicht schlecht, wie heftig und selbstbewusst die Frauen sich wehrten: „Die Techniken sitzen!“ musste Michael Schmolze ziemlich außer Atem anerkennen.

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Am Ende des Kurses wurde diese Einheit noch getoppt, als die Frauen in einen Selbstverteidigungsparcours von zwei Männern und einer Frau, die ihnen unbekannt waren, angegriffen wurden: Von „He, haste mal nen Euro für mich“ bis zum überraschenden Überfall aus dem Hinterhalt reichte die Angriffspalette. Zuerst ängstlich und nervös, dann aber immer mutiger und sicherer waren die Reaktionen der Frauen. Man könnte sehen, wie ihnen diese Erfahrung Mut machte und ihr Selbstbewusstsein wuchs. Dementsprechend sparten das Trainerteam und die Angreifer in der Anschlussbesprechung nicht mit Lob und Anerkennung.

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Dass am Ende dieses letzten Trainings in großer Runde gemeinsam mit den Frauen, den Trainern, den Helfern und den anwesenden Vertretern des Ministeriums und der Polizei in den Räumen der IGS gefeiert wurde, war für die gastfreundlichen Muslime selbstverständlich. Genauso selbstverständlich, wie es war, dass ihre Ehemänner dazu kamen.

Vor den anwesenden Pressevertretern und dem ZDF lobte Dr. Ahmad den Respekt der Angreifer im Umgang mit den Frauen. Dabei hob er besonders die Leistung des Trainerteams hervor, das es verstanden habe, anfängliche Bedenken bei Teilen der IGS zu zerstreuen und gegenseitig Verständnis und Anerkennung zu ermöglichen. Einig waren sich alle, dass man auf einem richtigen Weg sei. Dr. Ahmad hofft, dass dieses Modellprojekt in Deutschland Schule macht und muslimische Frauen ermutigt, an solchen Kursen teilzunehmen.